Gewaltverherrlichung in iranischen Kinderbüchern

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Mehr als 500 mal wurde im vergangenen Jahr im Iran die Todesstrafe vollstreckt, häufig durch Erhängen in der Öffentlichkeit. Hingerichtet wird aber auch in Kinderbüchern. Menschenrechtsaktivisten sind alarmiert.

Der Hund war ein Verräter, ein Komplize des Wolfes. Deswegen musste er hingerichtet werden: durch den Strang. Genauso erging es in einer anderen Geschichte der Katze; sie war ein besiegter Feind. Es sind Bilder aus iranischen Kinderbüchern.

„Ich schaue sehr genau nach, was ich für meine achtjährige Tochter kaufe. Ich muss aufpassen, dass sie keine Bücher bekommt, die Gewalt zelebrieren“, erzählt Shohreh (Name geändert) im DW-Gespräch. Die Grafik-Designerin aus Isfahan spricht von einem Boom der Kinderbuch-Branche im Iran: „Kinderbücher verkaufen sich viel besser als alle anderen Bücher. Ich kenne viele Eltern, die ihren Kindern am liebsten Bücher schenken, obwohl sie selber nicht gerne lesen.“

Die Iraner schauen lieber Fernsehen; Bücher sind nicht besonders beliebt. Dabei können immerhin knapp 80 Prozent der Gesamtbevölkerung lesen und schreiben. Laut umstrittenen offiziellen Angaben liest jeder Iraner statistisch gesehen 70 Minuten am Tag. Diese Statistik beinhaltet allerdings auch Lehrbücher und religiöse Bücher.

Strenge Kontrolle

Unterhaltungsliteratur und Romane sind teuer. Und: Ihre Inhalte werden streng kontrolliert. Sie müssen zunächst von einem Kontrollgremium im Kultusministerium genehmigt werden. Dieses Gremium legt sehr strenge Kriterien an, auch für Kinderbücher. Die Inhalte sollen vor allem an das religiöse Gesellschaftsbild angepasst werden.

Ein Beispiel: Im Iran müssen Frauen in der Öffentlichkeit ihre Haare bedecken. In ihren eigenen vier Wänden allerdings tragen sie, was sie wollen. In den Kinderbüchern aber nicht. Dort müssen Frauen auch im Privaten Kopftuch tragen. Wenn etwa in einer Illustration eine Mutter zu Hause kein Kopftuch trägt, muss das Kopftuch nachträglich gemalt werden. Ansonsten gibt es keine Genehmigung. Diese Genehmigung kann sogar nachträglich nach der Veröffentlichung zurückgezogen werden.

„Kinderbücher sind viel religiöser geworden. In den Geschichten kommen jetzt viel öfter Moscheen oder religiöse Zeremonien vor“, hat Shoreh beobachtet. Die Grafikerin wundert sich nicht, dass sich selbst Bücher mit erhängten Tieren gut verkaufen: „Die Menschen gehen ja selbst zu öffentlichen Hinrichtungen und nehmen sogar ihre Kinder mit.“

Im Jahr 2016 wurden 530 Menschen im Iran hingerichtet, viele von Ihnen  öffentlich und in Anwesenheit zahlreicher Schaulustiger. Die kommen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Für diese Menschen ist die Todesstrafe die einzige Methode,  Gerechtigkeit herzustellen.

Desensibilisierung der Gesellschaft

„Die Gesellschaft wird gezielt desensibilisiert“, kritisiert Mohammad Mostafaie im Gespräch mit der Deutschen Welle. Der Menschenrechtsanwalt und Kinderrechtsaktivist ist auf die Todesstrafe für minderjährige Angeklagte spezialisiert. Im Iran werden auch sie hingerichtet, nach ihren 18. Geburtstag.

Mostafaie musste im Jahr 2010 wegen Repressalien das Land verlassen, kämpft aber weiterhin gegen die Todesstrafe im Iran. Die Gewaltverherrlichung in den Kinderbüchern betrachtet er als sehr gefährlich für eine Gesellschaft ohne Meinungsfreiheit.

„Ein Blick auf die Statistiken im Iran zeigt, dass die Gewalt besonders in der Familie stark zugenommen hat,“ stellt der Menschenrechtsaktivist fest. „Das hat viele Ursachen. Die Gewalt in der Öffentlichkeit gehört aber sicherlich dazu. Menschen, die so viel Gewalt sehen, scheuen nicht davor zurück, selbst Gewalt anzuwenden. Da muss man gegensteuern, statt es überall zu feiern.“

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