Nato vermutet Russland hinter Fake-News-Kampagne gegen Bundeswehr

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Bundeswehr vehicles are parked for loading on a military transport train at the military area in Grafenwoehr, southern Germany, on January 31, 2017. As a part of the NATO program "Enhanced Forward Presence" 450 soldiers with army material and vehicles will move to Rukla in Lithuania in the upcoming weeks. / AFP PHOTO / Christof STACHE

Die Bundeswehr ist bei ihrer Baltikum-Mission Ziel einer perfiden Kampagne geworden. Nach SPIEGEL-Informationen wurden offenbar aus Russland Gerüchte über eine angebliche Vergewaltigung durch deutsche Soldaten gestreut.

Rojikurd: Die im Nato-Partnerland Litauen eingesetzten Bundeswehrsoldaten sind ins Visier einer konzertierten Desinformationskampagne geraten, die offenbar von Russland gesteuert wurde.

 Nach SPIEGEL-Informationen streuten Unbekannte vor einigen Tagen durch gezielte E-Mails Gerüchte, dass deutsche Soldaten bei ihrem Einsatz in dem baltischen Land eine Minderjährige vergewaltigt hätten.

Laut Nato-Diplomaten handelt es sich um eine gezielte Fake-News-Attacke zur Diskreditierung der Bundeswehr. Diese ist seit einigen Woche in Litauen stationiert, um das Land symbolisch gegen mögliche russische Aggressionen abzusichern.

Das Vorgehen der Täter – vor allem die Erwähnung einer angeblichen Vergewaltigung – erinnert frappierend an den „Fall Lisa“ in Deutschland, bei dem russische Medien in der Hochzeit der Flüchtlingskrise 2016 behaupteten, mehrere Flüchtlinge hätten eine junge Russin in Berlin vergewaltigt.

Gut orchestrierter Angriff

Die Offensive gegen die Bundeswehr war gut orchestriert. So ging am 14. Februar eine ausführliche E-Mail sowohl beim Parlamentspräsidenten von Litauen als auch bei mehreren Medien ein. Darin wurde detailliert beschrieben, dass deutsche Soldaten am 9. Februar in der Ortschaft Jonava eine junge Litauerin vergewaltigt hätten.

Auf den ersten Blick wirkte das Schreiben wegen der vielen Details so glaubwürdig, dass einige kleinere litauische Medien die angebliche Nachricht aufgriffen und veröffentlichten. Auch der Ort der angeblichen Tat war offenbar bewusst ausgewählt worden: Jonava liegt nur rund zehn Autominuten vom Standort Rukla entfernt, dort sind die deutschen Soldaten für ihre Mission stationiert.

Die litauische Regierung reagierte schnell. Sie überprüfte bei Polizei und Bundeswehr, dass es einen solchen Vorfall nicht gegeben hat und stellte den Sachverhalt gegenüber Journalisten klar. Mittlerweile wurde auch das Nato-Hauptquartier in Brüssel informiert.

 Bei der Nato wird die Fake-News-Attacke sehr ernst genommen, auch wenn der von den Urhebern offenbar gewünschte Effekt ausblieb. Das Vorgehen wird klar als Versuch gesehen, den gerade begonnenen Einsatz in Litauen zu unterminieren. Ein Nato-Diplomat sprach von einer erneuten Provokation der Russen, die gegen die temporäre Stationierung von Truppen an der Ostgrenze des Militärbündnisses protestieren. Bei der Allianz sieht man solche Attacken als erste Stufe der sogenannten hybriden Kriegführung durch die Russen.

In dem aktuellen Fall habe Moskau gezielt versucht, den Einsatz der Nato zu kriminalisieren und die Unterstützung der Litauer für die Verlegung der Truppen zu untergraben, vermutet man bei der Allianz. „Wir kommen nach Litauen für mehr Sicherheit, die Urheber dieser Fake News aber versuchen, ein Bild zu zeichnen, als ob ein Haufen Verbrecher in ihr Land einfällt“, so ein Offizier.

Auf weitere Attacken vorbereitet sein

Die Stationierung der Nato-Soldaten in der Region ist eine Reaktion auf Russlands Vorgehen im Ukrainekonflikt. Osteuropäische Staaten fürchten seit der Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim durch Russland im Jahr 2014 um ihre eigene Sicherheit. Aktuell werden vier sogenannte Battlegroups in den baltischen Staaten und in Polen aufgestellt, die Initiative wird „Enhanced Forward Presence“ genannt. Aus Sicht der Nato verstößt das Vorhaben nicht gegen die Nato-Russland-Akte, da die Verbände nur temporär und rotierend im Einsatz sind. Die Bundeswehr beteiligt sich in Litauen mit rund 130 Soldaten.

Auf Nachfrage des SPIEGEL bestätigte das Bundesverteidigungsministerium den Vorgang. Ein Sprecher wollte aber keine Details über die möglichen Hintergründe oder die Urheber der virtuellen Attacke nennen.

In einer internen Bewertung der Truppe wird aber bereits angemahnt, dass man sich auf weitere solche Attacken durchaus vorbereiten muss. Deswegen sollen die Meldewege erneut überprüft und die eingesetzten Soldaten sensibilisiert werden.

Bewährtes Muster: Gerüchte und Anschuldigungen

Hätten Litauen und die Bundeswehr nicht so schnell reagiert, wäre ein Szenario wie im „Fall Lisa“ möglich gewesen. Im Januar 2016 hatte die angebliche Vergewaltigung der jungen Russin durch Flüchtlinge in Berlin weltweit Schlagzeilen gemacht. Die staatlich kontrollierten Auslandssender Russlands bis hin zum Außenminister befeuerten die Gerüchte tagelang und warfen der Bundesregierung ziemlich offen vor, den Fall aus politischen Gründen nicht richtig zu verfolgen. Am Ende stellte sich heraus, dass die junge Russin nicht vergewaltigt wurde, sondern sich die Geschichte aus Angst vor ihren Eltern ausgedacht hatte, da sie nach einer Feier die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen war.

Der Fall steht bis heute als Beispiel für eine gezielte Desinformationskampagne Russlands. Die Bundesregierung hat wegen der Involvierung von staatlichen Stellen auch offiziell bei den Russen protestiert.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels lautete die Überschrift: „Russland attackiert Bundeswehr mit Fake-News-Kampagne“. Das haben wir geändert, weil es sich um einen Verdacht der Nato handelt.

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